23. Oktober 2026
Sucht und Kontrolle: Wie viel Kontrolle haben wir wirklich?

Sucht.. Wie viel Kontrolle haben wir wirklich?
Wenn Sie diesen Text lesen, ist vielleicht eine kleine Frage in Ihnen aufgetaucht. Vielleicht hat jemand aus Ihrem Umfeld etwas gesagt. Vielleicht wurde Ihnen an einem Morgen mulmig, als Sie versucht haben, sich an den Vorabend zu erinnern. Oder Sie sagen sich schon eine Weile: „Irgendwann sollte ich weniger trinken oder konsumieren“, und merken, dass Sie diesen Entschluss immer wieder aufschieben.
Dieser Text soll Sie weder verurteilen noch mit einem Etikett versehen. Wenn Alkohol, andere Substanzen oder eine Gewohnheit, die Sie nur schwer kontrollieren können, immer mehr Raum in Ihrem Leben einnehmen, kann es hilfreich sein, gemeinsam zu überlegen, wie es dazu gekommen ist – und was sich verändern lässt.
Sucht ist keine Willensschwäche
Wiederholter Substanzkonsum kann mit der Zeit die Fähigkeit beeinträchtigen, den Konsum zu beenden oder zu kontrollieren. Er kann Prozesse im Gehirn verändern, die mit Belohnung, Stress, Lernen und Selbstkontrolle zusammenhängen. Das bedeutet nicht, dass ein Mensch jede Entscheidungsfähigkeit verloren hat. Es zeigt aber, dass Veränderung mehr erfordern kann, als sich einfach „mehr zusammenzureißen“ (1).
Der Gedanke „Wenn ich wollte, könnte ich aufhören“ ist deshalb oft ernst gemeint. Vielleicht glauben Sie wirklich, jederzeit aufhören zu können – und haben womöglich schon mehrmals versucht, den Konsum selbst zu reduzieren. Wenn es Ihnen jedoch schwerfällt, an Ihrem Vorhaben festzuhalten, Sie mehr konsumieren als geplant oder trotz negativer Folgen weitermachen, kann es hilfreicher sein, zu verstehen, was dahintersteckt, als sich selbst Vorwürfe zu machen. Bei der Einschätzung des Alkoholkonsums werden auch Muster wie Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren, und das Fortsetzen trotz negativer Folgen berücksichtigt. Eine Diagnose wird jedoch nicht aufgrund eines einzelnen Anzeichens gestellt, sondern nach einer umfassenden Einschätzung (2).
Ein schleichender Prozess
Eine Abhängigkeit entsteht selten von heute auf morgen. Was anfangs dabei hilft, sich zu entspannen, Spaß zu haben, einzuschlafen oder Abstand zu einem schwierigen Gefühl zu gewinnen, kann nach und nach zu einer Lösung werden, auf die man immer häufiger zurückgreift. Manchmal steigt die konsumierte Menge; manchmal nimmt vor allem der Konsum im eigenen Denken immer mehr Raum ein. Andere Aktivitäten können in den Hintergrund treten. Vielleicht beginnen Sie zu verbergen, wie viel Sie konsumieren, oder finden sich nach dem Gedanken „Das war das letzte Mal“ wieder im selben Kreislauf.
Es kann schwer sein, diese Veränderungen zu bemerken. Manchmal glauben wir tatsächlich: „Ich habe alles unter Kontrolle.“ Manchmal versuchen wir, Abstand zu einer Wirklichkeit zu halten, der wir uns noch nicht gewachsen fühlen. Solche Erklärungen sind nicht zwangsläufig Lügen oder bewusste Verleugnung. Oft schützen sie uns vor Scham, Angst oder der Sorge, von anderen verurteilt zu werden.
Vielleicht kommen Ihnen einige dieser Gedanken bekannt vor:
„Das machen doch alle.“ Ein paar Gläser nach der Arbeit, am Wochenende etwas mehr … Wenn Menschen in Ihrem Umfeld ähnlich konsumieren, kann der eigene Konsum normal oder sogar wie eine verdiente Belohnung wirken: „Ich habe die ganze Woche hart gearbeitet. Das habe ich mir verdient.“
„Diese Nacht war eine Ausnahme.“ Vielleicht gab es einen Streit, Stunden, an die Sie sich am nächsten Tag nicht erinnern konnten, oder eine Ermahnung bei der Arbeit. Trotzdem erscheint jeder Vorfall für sich genommen wie ein einmaliges Ereignis: „Es war Silvester. Da haben doch alle über die Stränge geschlagen.“
„Ja, es ist vielleicht etwas viel, aber …“ Sie merken, dass etwas nicht stimmt, und finden dann eine Erklärung für Ihren Konsum: „Das ist die einzige Möglichkeit, mit meiner Angst umzugehen.“ „Im Moment habe ich sehr viel Stress. Wenn sich die Lage beruhigt, höre ich auf.“ Diese Gründe können erklären, was Sie gerade belastet. Doch was kurzfristig hilft, muss Ihnen auf Dauer nicht guttun.
„Sprich das nicht an.“ Wenn jemand aus Ihrem Umfeld seine Sorge äußert, reagieren Sie vielleicht verärgert, machen einen Witz oder beenden das Gespräch. Hinter dieser Reaktion stecken manchmal Scham und manchmal die Hoffnung: „Ich schaffe das allein.“ Ein Gespräch aufzuschieben kann kurzfristig Erleichterung bringen, aber auch erschweren, zu erkennen, wie sich das Problem entwickelt.
„So bin ich eben.“ Die Folgen Ihres Konsums sind vielleicht inzwischen zu deutlich, um sie zu übersehen. Dann kann die Akzeptanz zum Grund werden, nichts zu verändern: „Sie sollen mich so akzeptieren, wie ich bin.“ Doch nur weil ein Verhalten schon lange Teil Ihres Lebens ist, gehört es nicht zwangsläufig zu Ihrer Identität.
Einen dieser Gedanken bei sich wiederzuerkennen, bedeutet nicht automatisch, dass Sie abhängig sind. Es kann aber ein guter Anfang sein, um zu verstehen, was Ihnen der Konsum gibt, was er Ihnen nimmt und wann es schwieriger wird, ihn zu kontrollieren.
Ein paar Fragen, die Sie sich stellen können
Diese Fragen sind kein Diagnoseinstrument. Sie sollen dazu einladen, ohne Selbstverurteilung auf die vergangenen Monate oder Jahre zu schauen:
Konsumieren Sie manchmal mehr oder länger, als Sie eigentlich vorhatten?
Haben Sie versucht, Ihren Konsum zu reduzieren oder ganz aufzuhören, und es nicht geschafft, bei Ihrem Vorhaben zu bleiben?
Beeinträchtigt der Konsum Ihre Aufgaben bei der Arbeit, in der Schule, zu Hause oder in Ihren Beziehungen?
Verschweigen Sie anderen, was danach passiert ist oder wie viel Sie konsumiert haben?
Erleben Sie bei ausbleibendem Konsum starkes Verlangen, Unruhe, Schlafprobleme oder andere körperliche Beschwerden?
Haben Sie weniger Zeit für Aktivitäten oder Menschen, die Ihnen früher Freude gemacht haben?
Konsumieren Sie weiter, obwohl Sie bemerkt haben, dass sich dadurch Ihre Angst, Ihre Stimmung, Ihre Gesundheit oder Ihre Sicherheit verschlechtert?
Werden Sie schnell defensiv, wenn Menschen in Ihrem Umfeld ihre Sorge äußern?
Ein paar Fragen mit „Ja“ zu beantworten, ist weder ein Urteil noch eine Diagnose. Es kann aber ein guter Grund sein, mit einer Fachperson zu sprechen. Bei einer Einschätzung werden die Art, Häufigkeit und Menge des Konsums sowie dessen Auswirkungen auf Ihr Leben und mögliche psychische oder körperliche Begleiterkrankungen berücksichtigt. Bei einer Alkoholgebrauchsstörung spielen die Anzahl und Dauer der Symptome sowie deren Auswirkungen auf das Leben eine Rolle. Welche Unterstützung am besten passt, hängt von der jeweiligen Person ab (3).
Warum fällt es so schwer, um Hilfe zu bitten?
Viele von uns wachsen mit der Vorstellung auf, dass wir unsere Probleme allein lösen müssen. Um Hilfe zu bitten, kann sich anfühlen, als würde man zugeben, die Kontrolle verloren oder versagt zu haben. Vielleicht machen Sie sich auch Sorgen: „Sie werden mich verurteilen“, „Sie denken, ich übertreibe“ oder „Sie werden mich jetzt anders sehen.“
Scham kann dazu führen, dass wir schweigen. Doch Schwierigkeiten zu haben, sagt nichts Endgültiges über Ihren Charakter aus. Um Hilfe zu bitten bedeutet auch nicht, die Kontrolle abzugeben. Es bedeutet, Unterstützung dabei zu bekommen, genauer und sicherer zu verstehen, was gerade geschieht.
Es gibt nicht nur einen Weg, mit einer Abhängigkeit umzugehen. Für manche Menschen kann eine Psychotherapie hilfreich sein, für andere eine ärztliche Einschätzung, eine medikamentöse Behandlung, eine Selbsthilfegruppe oder eine Kombination aus mehreren Angeboten. Es gibt keine Lösung, die für alle gleichermaßen passt; die Unterstützung kann auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt werden (3).
Ein kurzer Sicherheitshinweis
Wer über längere Zeit viel Alkohol getrunken hat, kann bei einem plötzlichen Absetzen in manchen Fällen schwere Entzugssymptome entwickeln. Falls das auf Sie zutreffen könnte, sprechen Sie mit einer Ärztin oder einem Arzt, bevor Sie allein versuchen, den Konsum zu beenden oder zu reduzieren. Um Entzugssymptome sicher zu behandeln, kann medizinische Unterstützung notwendig sein (2).
Der erste Schritt
Veränderung beginnt nicht immer mit einer großen, endgültigen Entscheidung. Manchmal besteht der erste Schritt darin, eine Woche lang aufzuschreiben, wann und wie viel Sie konsumieren. Vielleicht sagen Sie einer Person, der Sie vertrauen: „Ich komme damit allein gerade nicht gut zurecht.“ Oder Sie vereinbaren einen Termin bei einer Psychiaterin, einem Psychiater, Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt oder bei einer Fachperson für Suchterkrankungen.
Sie müssen bei der ersten Kontaktaufnahme nicht sofort alles erzählen oder eine endgültige Entscheidung treffen. Das erste Gespräch kann einfach dazu dienen, zu verstehen, was Sie erleben, und mögliche nächste Schritte zu besprechen.
Der Gedanke „Ich habe alles unter Kontrolle“ muss Sie nicht davon abhalten, genauer hinzuschauen. Vielleicht beginnen Sie mit diesen Fragen: Was gibt mir diese Gewohnheit? Was nimmt sie mir? Und welche Unterstützung könnte mir jetzt helfen?
Quellen
1. National Institute on Drug Abuse. Drugs, Brains, and Behavior: The Science of Addiction. https://nida.nih.gov/publications/drugs-brains-behavior-science-addiction
2. National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism. Treatment for Alcohol Problems: Finding and Getting Help. https://www.niaaa.nih.gov/publications/brochures-and-fact-sheets/treatment-alcohol-problems-finding-and-getting-help
3. National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism. Health Topics: Alcohol Use Disorder. https://www.niaaa.nih.gov/alcohols-effects-health/alcohol-topics/health-topics-alcohol-use-disorder
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